Der Jahreswechsel ist wichtiger als Weihnachten

Griechische Silvesterbräuche

Wer in Athen Silvester feiert, feiert nicht dasselbe Fest wie zu Hause. In Griechenland ist der Jahreswechsel wichtiger als Weihnachten: Der Gabenbringer heißt Agios Vasilis, und er kommt nicht am 24. Dezember, sondern zum 1. Januar. Die Geschenke liegen also am Neujahrsmorgen unter dem Baum, nicht am Heiligabend — und der 31. Dezember ist der Abend, an dem sich Familien versammeln.

Wenn ihr die folgenden fünf Bräuche kennt, versteht ihr, was um euch herum passiert.

Nächtliche Szene in Athen mit griechischer Flagge
In Griechenland ist der Jahreswechsel das größte Fest des Jahres – wichtiger als Weihnachten.
Der Kuchen mit der Münze

Die Vasilopita

Das bekannteste Ritual des griechischen Jahreswechsels. Die Vasilopita ist ein Hefe- oder Mürbeteiggebäck, in das vor dem Backen eine Münze eingelegt wird, das Flouri. Nach Mitternacht oder am Neujahrstag wird der Kuchen angeschnitten — und zwar in einer festen Reihenfolge: erst ein Stück für Christus oder das Haus, dann für die Abwesenden, dann für die Anwesenden vom Ältesten zum Jüngsten.

Wer die Münze in seinem Stück findet, hat im neuen Jahr Glück. Angeschnitten wird die Vasilopita nicht nur in Familien, sondern auch in Vereinen, Betrieben, Schulen und Behörden — den ganzen Januar über. Wenn ihr am 31. Dezember in einer Taverne sitzt, schneidet der Wirt sie um Punkt zwölf an, und das ganze Haus sieht zu.

Je weiter die Kerne springen, desto besser

Der Granatapfel

Vor der Haustür hängt über die Feiertage ein Granatapfel. Zu Mitternacht wird im Haus das Licht gelöscht, die Familie tritt vor die Tür, und der Granatapfel wird kräftig auf die Schwelle geworfen. Je weiter die Kerne springen, desto reicher das Jahr. Der Granatapfel steht in Griechenland seit der Antike für Fruchtbarkeit und Fülle — der Brauch ist deutlich älter als das Fest, an das er heute geknüpft ist.

Wer zuerst über die Schwelle tritt

Podariko

Podariko heißt wörtlich „der Fuß". Wer nach Mitternacht als Erster das Haus betritt, bestimmt das Glück des ganzen Jahres. Deshalb wird das nicht dem Zufall überlassen: Meist geht jemand mit „glücklicher Hand" kurz vor zwölf hinaus — oft ein Kind — und tritt danach mit dem rechten Fuß zuerst wieder ein.

Silvester ist Glückstag

Kartenspielen

An Silvester wird in Griechenland gespielt: zu Hause, im Kafenion, im Casino. Der Gedanke dahinter ist einfach — wer in dieser Nacht im Spiel Glück hat, hat es das ganze Jahr über. Wenn ihr am 31. Dezember an einem Athener Kafenion vorbeikommt, in dem um elf Uhr abends konzentriert Karten gelegt werden: Das ist kein Zufall, das ist Programm.

Die Neujahrslieder der Kinder

Kalanda und Kali Hera

Am 31. Dezember ziehen Kinder mit Triangel und Trommel von Haus zu Haus und singen die Neujahrs-Kalanda. Dafür bekommen sie ein paar Münzen oder Süßigkeiten. Es gibt eigene Lieder für Weihnachten, Neujahr und den Dreikönigstag — die Neujahrsversion handelt vom Heiligen Vasilios. In der Athener Innenstadt hört ihr sie tagsüber in den Einkaufsstraßen.

Nach Mitternacht und am Neujahrstag bekommen Kinder von Eltern, Großeltern und Paten Geld geschenkt: die Kali Hera, wörtlich „die gute Hand". Ein kleiner Brauch, aber einer, der erklärt, warum am 1. Januar in Athen so viele Kinder mit Geldscheinen in der Hand herumlaufen.

Eine Athener Eigenheit

Das Neujahrsschwimmen

Kein religiöser Brauch, sondern eine Athener Eigenheit: An der Athener Riviera gehen den ganzen Winter über Hunderte Menschen ins Meer, und am 1. Januar besonders viele. Der bekannteste Treffpunkt ist der Winterschwimmerclub Poseidon in einer geschützten Bucht bei Vouliagmeni, der seit den 1940er Jahren in einer alten Küstenbefestigung sitzt und Mitglieder zwischen 20 und über 90 Jahren hat.

Das Wasser hat um diese Jahreszeit etwa 10 Grad. Das ist kalt, aber es ist nicht das Eisbaden, das man aus Nordeuropa kennt — Neoprenanzüge braucht hier niemand. Mehr dazu unter Neujahrstag in Athen.

Nicht beim Hotel-Galadinner

Wo ihr die Bräuche wirklich erlebt

Ehrlich: nicht beim Hotel-Galadinner. Das ist ein internationales Format mit Menü und DJ. Wenn ihr das griechische Silvester sehen wollt, geht in eine Taverne in Plaka, Psirri oder Koukaki, wo Familien sitzen, oder in ein Bouzoukia. Dort wird um Mitternacht die Vasilopita angeschnitten, dort wird angestoßen, und dort erklärt euch garantiert jemand am Nebentisch, was gerade passiert. Welches Viertel wozu passt, steht unter Wo feiert man in Athen?.

Und ein Satz lohnt sich: „Kali Chronia!" — gutes Jahr. Das ist der griechische Neujahrsgruß, und er funktioniert überall.

Weiterlesen: Neujahrstag in Athen · Restaurants & Silvestermenü · Bouzoukia in Athen